"Der Waldboden war mit Sonnenflecken
gesprenkelt.Und oben, zwischen den Wipfeln,
schimmerte da und dort ein Stück blauen
Himmels herein. Dann tat sich die
Siebengibelwiese vor Hörbe auf: Grün und
golden strahlte sie ihm entgegen.
Und wieder gleiste Tau und wieder blinkte und blitzte es von den Blättern und Rispen wie tausend mal tausend Perlen und Edelsteine.
"Bei meinem großen Hut!", dachte Hörbe.

"Die Welt ist so schön und hell wie am ersten
Tag!" Er war nicht gerade ein großer Sänger,
der kleine Wandersmann. Trotzdem begann er zu singen: "Welt, Welt, Welt!", sang er während er in den funkelnden Tag hinausschritt.
"Wie schön ist es, auf der Welt zu sein!
Oh Wunder, dass es mich gibt!"

(aus: "Hörbe" von Otfried Preußler)



Ich möchte dich inständig bitten,
so sehr ich kann,

all dem gegenüber

was in deinem Herzen ungelöst ist,
geduldig zu sein und zu versuchen
die Fragen an sich zu lieben,
wie verschlossene Räume,

wie Bücher, die in einer sehr
fremden Sprache geschrieben sind.

Suche jetzt nicht nach den Antworten,
die dir jetzt nicht gegeben werden können,
weil du noch nicht fähig wärst
sie zu leben.
Und es geht darum alles zu leben.

Jetzt lebe die Fragen!
Vielleicht wirst du allmählich,

ohne es zu bemerken,
eines fernen Tages
in die Antwort hineinwachsen.

R. M. Rilke



Vorsichtige Anweisungen

Sei aufmerksam
und verbiete den Unvorsichtigen den Zutritt
zur Landschaft deines Wesens.
Du bist eine randlose Prärie
mit leuchtenden Espen.

Verteuere jedem das Lächeln, den Kuss,
die zärtliche Hand und
suche die tiefe Zuwendung.
Du bist ein Gesicht, das man nicht entehrt.

Widerstehe der Flucht in die Tränen,
bis sie aus Glück kommen
und Felsen der Festigkeit sind.
Du bist heute stärker als gestern.

Wache auf zur Auferstehung,
die sich in dir fortsetzt,
als gäbe es keine Grenze für dein Leben.
Du bist das Lebensmeer unter dem Meer.

Was du klein wähntest,
ist längst schon größer geworden;
öffne die Augen dem Wunder.
Du bist das Samenkorn, das zum Baum wurde.

Lass dich nicht fangen.
Verweigere die Erklärungen, die dein Heiliges
Ungläubigen verstehbar machen sollen.
Du bist ein leidenschaftliches Ereignis.

Ulrich Schaffer
(aus: SEHNSUCHT - Das kleine Buch für zwischendurch; Freiburg 2012)



Den Blickwinkel ändern

Wenn es so schien,
als gebe es keine Hoffnung,
habe ich Dein Licht gesehen
in den Augen eines Kindes.

Wenn es so schien,
als gebe es keine Freude,

habe ich Deine Freude gehört
in der Stimme eines Freundes.

Wenn es so schien,
als sei das Leben schal,
habe ich die Frische des Sonnenlichts
genossen auf meiner Haut.

Wenn es so schien,
als sei alles so leer,
habe ich Deine Nähe gespürt

in der Hand eines Fremden.

Wenn es so schien,
als sei die Zukunft so karg,
habe ich des Lebens Lebendigkeit gefühlt
auf den Lippen eines anderen.

Dank sei Dir
für Deine Liebe in vieler Gestalt.

Öffne meine Sinne für Deine Nähe,
dass ich Dich lieben kann
und Dich finde in allen Dingen.

Irischer Segenswunsch
(aus: SEHNSUCHT - Das kleine Buch für zwischendurch; Freiburg 2012)